Einblicke

Vor siebzig Jahren begann sich in Paris in einem Atelier, später als Malort bezeichnet, ganz besondere Bedingungen zu entfalten, die es den Menschen ermöglichte, frei zu malen. Diese so vielfältige Aktivität, Malspiel genannt, hat über die Jahrzehnte weltweit sich ausgebreitet und bei vielen Menschen Anklang gefunden.

Wie alles begann:
Im Jahre 1946 wurde Arno Stern, damals 22 jährig, eine Stelle in einem Heim nahe Paris für Kriegswaisen angeboten. Damals gab es nicht viel zur Beschäftigung von jungen Menschen, doch Papierreste und Bleistiftstummel waren vorhanden. Arno Stern lies die jungen Menschen ohne Vorgaben oder Aufträge, ohne Bewertung und Beurteilung, frei malen. Er bewertete sie nicht, deutete ihr Gemaltes nicht und verlangte auch nichts von ihnen. Therapeutische oder künstlerische Absichten lagen ihm fern. Ein Spiel auf dem Blatt eines jeden entfaltete sich, da die jungen Menschen keine Einschränkungen erfuhren. Diese anfänglichen kreativen Stunden offenbarten Arno Stern dann die Wichtigkeit dieses Spiels und nach und nach entstand der Malort.

Die Einrichtung:
So, wie es damals im Waisenheim begann, hat es sich bis heute bewährt und kennzeichnet den Malort. Ein einzigartig organisierter Raum. Im Zentrum dessen steht der Palettentisch mit seinen 18 hochwertigen Farben. Zu jeder Farbe gehören drei Pinsel in zwei verschiedenen Größen. Die Pinsel sind von außergewöhnlicher Qualität, was das Malen zu einem sinnlichen Erlebnis macht.
Vier bunte Malwände umgeben den Palettentisch. Im Raum ist man geschützt und abgesondert von der Außenwelt. Nichts dringt von außen ein, nichts dringt nach draußen. Man fühlt sich hier geborgen und aufgenommen. Ein jeder pendelt zwischen seinem Blatt Papier, als ein Element ganz für sich zu sein, und dem Palettentisch als Gemeinschaftselement, hin und her. Auf dem Blatt ist ein jeder frei, vertieft, akkurat und sorgfältig in der Handhabung der Materialien.

Die Gruppe:
Im Malspiel treffen sich wöchentlich, regelmäßig und langfristig eine Gruppe von Menschen. Das Auffallende hier ist die Verschiedenartigkeit dieser Menschen. Es gelten keine üblichen Normen, hier kann man sich nicht vergleichen, weil alle Anwesenden so unterschiedlich sind: Das Alter, die Herkunft, die Religion, die Hautfarbe, die Begabung etc. spielen hier keine Rolle. Daher gibt es auch keinen Wettbewerb oder Konkurrenzkampf. Ein jeder hat sein eigenes Blatt, legt sich darin die eigene Welt nach Maß an, inmitten anderer, die dies auch tun. Die anderen im Raum sind Spielpartner und widmen sich alle ihrem eigenen Spiel im Blatt. Dadurch fühlt man sich angeregt, in sein eigenes Spiel auf dem Blatt einzutauchen.

Das Spiel mit der natürlichen Spur:
Noch im Waisenheim, in dem Arno zu Beginn die jungen Menschen frei malen lies, ist ihm aufgefallen, dass alle mit denselben Gebilden und Spuren spielen, als gäbe es im Menschen etwas Allgemeingültiges. Über die Jahre und Jahrzehnte des Dienens im Malort wurde es ihm immer deutlicher, dass es eine Art Alphabet der Spuren gibt, die alle Menschen auf der Welt haben. Ein jeder trägt diese Spuren in sich. Es braucht nur die geeigneten Bedingungen, um diese Spuren zu äußern, wozu einzig und allein der Malort imstande ist. Über die Jahre entstand eine ganze Wissenschaft und neue Betrachtungsweise der Spur und Arno war bemüht eine geeignete Benennung für das zu finden, was er erforscht hat. Die Äußerung in einem Malort wird Formulation genannt. Sie kann nur geschehen, wenn sie frei von Deutung und Bewertung ist, wenn sie keine Empfänger kennt. Im Malspiel dient das Spielen mit seinen ur-eigenen Spuren nicht der Kommunikation oder der Vermittlung von etwas. Nur so ist der Mensch ganz frei und unabhängig in seiner Äußerungsfähigkeit. Diese Spuren, welche endlos sind, folgen einem bestimmten Ablauf aus der verborgenen Aufspeicherung der organischen Erinnerung des Menschen. Die Formulation ist keinem anderen Wissenschaftsbereich zuzuordnen, auch nicht künstlerischen oder therapeutischen Absichten. Hier geht es um ein Spielen, welches für Wohlbefinden im Menschen sorgt, weil ein jeder sich seiner Fähigkeiten bewusst wird und befreit wird von Vorbildern oder Beeinflussungen, weil man sich seiner ur-eigenen Spuren bedient.

Die/Der Malspiel-Dienende:
Es musste erst eine Benennung gefunden werden für die Rolle im Malspiel. Irgendwann in den Anfängen des Malorts bei Arno Stern fand er eine geeignete Bezeichnung für die Person, die die Menschen im Malspiel begleitet: Malspiel-Dienende. Warum? Weil die Malspiel-Dienende den Malenden zur Verfügung steht, sie in ihrem Tun unterstützt, sich nicht aufdrängt, sodass die Malenden einzig und allein sich ihrem Spiel auf dem Blatt widmen können. Die dienende Rolle äußert sich beispielsweise darin, dass Farben nachgefüllt werden, Schemel oder eine Leitern gereicht werden, Reisnägel versetzt werden, verunreinigte Pinsel gereinigt werden oder das Begleiten beim Herstellen von Mischfarben erfolgt. Die malende Person erfährt eine Würdigung in ihrem Tun. Wesentlich bei der dienenden Rolle ist, dass sie um die Äußerungs- und Spielfähigkeit eines jeden Menschen weiß, die Formulation kennt, somit nicht übergriffig wird oder gar bewertend auf die malende Person eingeht. Die Erfahrung zeigt, dass die Menschen, die im Malort malen, sich an- und aufgenommen und wohl dabei fühlen, bedient zu werden und sich nur um ihre Spuren zu kümmern. Nur dann ist ein intensives Spielen möglich.

Die Wirkung des Malspiel auf den Menschen:
Einige Menschen haben heutzutage das Gefühl, wenn sie etwas tun, erwarten sie ein Endergebnis oder etwas, dass sie haben können. Viele sind auf ein Werden ausgerichtet und das wahre Sein findet dabei kaum mehr Beachtung. Im Malspiel geht es nicht um ein Ergebnis oder ein Resultat. Hier steht die Tat, das Tätig-sein und der Prozess im Vordergrund. Hier darf ein jeder wieder sein und die Gegenwärtigkeit erleben ohne an die Zukunft denken zu müssen. Doch wenn man eine Wirkung des Malspiel auf den Menschen versucht zu finden, dann hat die 70jährige Erfahrung gezeigt, dass der Mensch, weil er ganz und gar in seinem Blatt frei malen kann und seine ur-eigenen Spuren erlebt, eine Persönlichkeit-stärkende Wirkung erfährt. Wie ist es, wenn man allwöchentlich die Gelegenheit bekommt, sich einzig und allein auf sein Malspiel zu konzentrieren, in seinem Blatt akkurat zu spielen, inmitten aller anderen, die dies auch tun. Durch den präzisen Umgang mit dem hochwertigen Material, die Sinnlichkeit mit dem farbigen Pinsel über das Papier zu streichen wird ein jeder sehr anspruchsvoll und aufmerksam, erfährt über sich ungeahnte Fähigkeiten. Eigenschaften, die heute kaum mehr eine Rolle spielen, doch im Malort sehr wesentlich sind. Dieser so tiefsinnig erlebbare Prozess ermöglicht der malspielenden Person die Wiederbelebung der eigenen Spur. So wird das Malspiel zu einer lebenswichtigen und ernsthaften Angelegenheit, welche so lustvoll und begeisternd zur Gewohnheit wird, der die Menschen immer wieder frönen wollen.

Bei all den wesentlichen Aspekten sind Pinsel und Papier die absolute Freiheit. Nicht weniger, aber auch nicht mehr braucht es!